Depression in der Heilpraktikerprüfung: die Fragen, die immer kommen

Eine Depression hat drei Hauptsymptome: gedrückte Stimmung, Verlust von Interesse und Freude, und Antriebsmangel. Dazu Zusatzsymptome wie Schlafstörung, Konzentrationsstörung, Schuldgefühle und Gedanken an den Tod, und das Ganze länger als zwei Wochen. So weit die Definition. Was die Prüfung aber wirklich wissen will, ist etwas anderes: ob du die Frage nach dem Suizid stellst, ob du weißt, wann es ein Notfall ist, und ob du deine Grenzen kennst. Genau das steht hier, mit den sieben Fallen, die bei diesem Thema immer wieder gestellt werden.
Die Definition, die du wörtlich brauchst
Depression kommt vom lateinischen deprimere, niederdrücken. Sie ist keine seltene Krankheit: In Deutschland sind fünf bis acht Millionen Menschen betroffen, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Und sie ist behandelbar. Für die Prüfung brauchst du die Bausteine so, wie sie in der ICD-10 stehen, der Klassifikation, nach der diagnostiziert wird.
Die drei Hauptsymptome:
- gedrückte Stimmung, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag
- Verlust von Interesse und Freude, auch an Dingen, die früher Spaß gemacht haben
- Antriebsmangel, erhöhte Ermüdbarkeit
Die Zusatzsymptome: Konzentration und Aufmerksamkeit vermindert, Selbstwert und Selbstvertrauen vermindert, Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, negative Zukunftsperspektive, Gedanken an Tod oder Suizid, Schlafstörungen, Appetitstörungen.
Die Dauer: mindestens zwei Wochen.
Aus der Zahl der Symptome ergibt sich der Schweregrad:
| Schweregrad | Hauptsymptome | Zusatzsymptome |
|---|---|---|
| leichte Episode | mindestens 2 | mindestens 2 |
| mittelgradige Episode | mindestens 2 | 3 bis 4 |
| schwere Episode | alle 3 | mindestens 4 |
Dazu das somatische Syndrom, somatisch heißt körperlich: früh morgens aufwachen, zwei Stunden oder mehr vor der gewohnten Zeit, das Morgentief, Appetit weg, Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent im Monat, Libidoverlust, psychomotorische Hemmung oder Unruhe. Wer diese Wörter im Fall nennt, zeigt dem Prüfer, dass er das Bild versteht und nicht nur „traurig“ sagt.
Morgens ist es dem Depressiven am schlechtesten, weil er sich nicht vorstellen kann, den Tag zu schaffen. Über den Tag sammeln sich kleine Erfolge, abends geht es etwas besser. Bei der Demenz ist es genau andersherum: morgens ausgeruht, über den Tag ermüdet, abends verwirrt. Morgentief gleich Depression, Abendtief gleich Demenz. Das ist eine Prüfungsfrage.
Die Suizid-Frage, die du stellen musst
Die Depression hat die höchste Suizidrate aller psychischen Erkrankungen. Deshalb ist die wichtigste Frage der Prüfung bei diesem Thema nicht „Was ist eine Depression?“, sondern „Was tun Sie, wenn die Patientin sagt, es wäre besser, wenn sie nicht mehr da wäre?“ Und die Antwort beginnt mit einem Satz, den du dir merken musst: Die Frage nach dem Suizid bringt niemanden auf die Idee. Sie erzeugt keinen Suizid, sie verhindert ihn, weil sie die Tür aufmacht. Wer nicht fragt, erfährt nichts.
Du fragst direkt, ruhig, ohne Umschweife: „Sie haben gesagt, es wäre besser, wenn Sie nicht mehr da wären. Haben Sie daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?“ Und dann gehst du die Leiter hoch, Sprosse für Sprosse:
- Lebensüberdruss: „Es wäre besser, nicht mehr da zu sein.“
- Suizidgedanken: „Ich denke daran, mir etwas anzutun.“ Passiv („einschlafen und nicht mehr aufwachen“) oder aktiv.
- Pläne: „Ich weiß, wie.“
- Vorbereitungen: Tabletten gesammelt, Brief geschrieben, Zeitpunkt festgelegt.
- Die Handlung.
Und zum Schluss die wichtigste Frage: „Was hält Sie hier? Was hält Sie am Leben?“ Die Antwort sind die Schutzfaktoren: Kinder, Partner, Glaube, ein Hund, ein Termin nächste Woche.
Die Risikofaktoren, die du im Kopf durchgehst: Männer, höheres Alter, allein lebend, frühere Versuche, Sucht, Psychose, Hoffnungslosigkeit, eine Ankündigung, Suizide in der Familie. Und ein Klassiker, den du kennen musst: die Ruhe vor dem Sturm. Wenn ein tief Depressiver plötzlich gelöst und ruhig wirkt, kann das heißen, dass die Entscheidung gefallen ist. Plötzliche Ruhe ist kein Grund zur Entwarnung.
Absprachefähig oder nicht, das ist das Wort, das über Zeit oder Notfall entscheidet. Absprachefähig heißt: Die Patientin kann dir glaubhaft zusagen, sich bis zum nächsten Termin nichts anzutun und sich bei Verschlechterung zu melden. Dann hast du Zeit, aber ein enges Netz: Notfallnummern auf einen Zettel (Telefonseelsorge, sozialpsychiatrischer Krisendienst, psychiatrische Klinik Tag und Nacht), nächster Termin in wenigen Tagen, Angehörige einbeziehen mit ihrem Einverständnis, alles wörtlich dokumentieren.
Akute Suizidalität ist Stufe vier oder fünf: konkreter Plan, Vorbereitungen, Zeitpunkt. Das ist der psychiatrische Notfall. Du lässt die Patientin keine Sekunde allein, sie muss heute in die psychiatrische Klinik. Ist sie einverstanden, organisierst du den Weg mit Angehörigen oder Rettungsdienst. Weigert sie sich, rufst du Rettungsdienst oder Polizei. Dann greift das Landesgesetz für die Unterbringung, das Psychisch-Kranken-Gesetz, kurz PsychKG. Voraussetzung ist eine akute erhebliche Eigen- oder Fremdgefährdung, und über die Unterbringung entscheiden Arzt, Behörde und Gericht, nicht du. Deine Schweigepflicht tritt zurück, weil ein Leben in Gefahr ist. Das nennt man rechtfertigenden Notstand.
„Die Patientin hat Lebensüberdruss geäußert. Ich frage direkt nach Suizidgedanken, Plänen, Vorbereitungen und früheren Versuchen, und ich frage, was sie am Leben hält. Sie hat passive Gedanken, keinen Plan, keine Vorbereitung, ihre Kinder als Schutzfaktor, und sie ist absprachefähig. Das ist ernst, aber kein akuter Notfall. Ich mache einen Notfallplan mit Nummern, sehe sie in wenigen Tagen wieder und schicke sie wegen der Sorgfaltspflicht zeitnah zum Psychiater. Hätte sie Tabletten gesammelt und einen Zeitpunkt, wäre es ein Notfall: nicht allein lassen, heute in die Klinik, bei Weigerung Rettungsdienst oder Polizei, PsychKG.“
Was der Heilpraktiker darf, und was nicht
Depression steht in keinem Gesetz, das dir etwas verbietet. Du darfst begleiten, und mit der Erlaubnis darfst du auch Psychotherapie ausüben. Aber zwei Dinge sind nicht deins, und beide sind Sorgfaltspflicht:
- Antidepressiva sind verschreibungspflichtig. Eine mittelgradige bis schwere Depression braucht in der Regel ein Antidepressivum und Psychotherapie. Das entscheidet der Psychiater. Johanniskraut, das pflanzliche Antidepressivum, ist frei erhältlich, hat aber Wechselwirkungen mit vielen Medikamenten, unter anderem mit der Pille. Nur nach Rücksprache.
- Die Diagnose sichern und körperliche Ursachen ausschließen läuft über den Arzt: Schilddrüsenwert TSH, Blutbild, Vitamin B12, Vitamin D, Leberwerte.
Was du tun kannst, ist viel: den Kontakt halten, Tagesstruktur aufbauen (morgens raus, Licht, Bewegung), Schlafhygiene, Alkohol ansprechen, Angehörige einbeziehen. Du behandelst nicht allein, aber du lässt auch nicht allein. In der Prüfung sagst du beides.
Die sieben Fallen der Prüfung
- Antidepressiva und Suizidgefahr. Antidepressiva, die zuerst den Antrieb steigern, können am Anfang der Behandlung die Suizidgefahr erhöhen. Der Patient hat wieder Kraft zum Handeln, aber die Stimmung ist noch tief. Deshalb hellt man erst die Stimmung auf und steigert dann den Antrieb. Prüfung Oktober 2025, siehe unten.
- Bipolar. Wer irgendwann eine Manie hatte (wochenlang kaum Schlaf, Geld raus, Wolke sieben) und nur ein Antidepressivum bekommt, kann in die nächste Manie kippen. Deshalb fragst du jeden Depressiven nach Hochphasen. Bipolar braucht einen Stimmungsstabilisierer, das ist Sache des Facharztes.
- Baby-Blues oder Wochenbettdepression. Der Baby-Blues, die Heultage, kommt wenige Tage nach der Geburt und klingt nach Tagen ab. Die postpartale Depression entwickelt sich in den Wochen nach der Geburt, dauert an, und auch hier besteht Suizidgefahr. Prüfung März 2026.
- Wahn bei schwerer Depression. Schuldwahn, Verarmungswahn, hypochondrischer Wahn. Ja, das gibt es, und dann ist es eine schwere Episode mit psychotischen Symptomen.
- Die larvierte Depression. Larviert heißt maskiert: Die Depression versteckt sich hinter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Magenbeschwerden. Wer nur den Körper untersucht, findet nichts.
- Die körperlichen Ursachen. Schilddrüsenunterfunktion (müde, friert, nimmt zu, Haarausfall), Anämie, Vitamin-B12-Mangel, Medikamente (Betablocker, Kortison), Alkohol. Und das Zebra: das Pankreaskarzinom, das mit Gewichtsverlust und Stimmungstief anfängt, bevor etwas wehtut. Deshalb gehört zu jedem Depressions-Fall der Körper dazu.
- Trauer ist keine Krankheit. Der Tod der Mutter, die Trennung: Die Seele braucht Zeit, und das ist gesund. Erst wenn jemand im Loch stecken bleibt, wird daraus eine Depression. In der Prüfung sagst du: „Auslöser ja, aber die Kriterien einer depressiven Episode sind seit drei Monaten erfüllt.“
Der Weg im Fall
Wie bei jedem Fall gehst du den Standard durch, nur mit einem Zusatz: Der psychiatrische Notfall heißt nicht Atmung, Kreislauf, Bewusstsein, sondern Gefahr für sich selbst oder für andere. Diese Frage steht bei jedem Psyche-Fall ganz vorn. Und zur Untersuchung gehört der psychische Befund mit festen Begriffen, so wie IPPAF zur körperlichen: Bewusstsein, Orientierung, Aufmerksamkeit und Konzentration, Antrieb, Affekt (depressiv, kaum schwingungsfähig), formales Denken (verlangsamt, grübelnd), inhaltliches Denken (Schuldgefühle, aber kein Wahn), Wahrnehmung (keine Halluzinationen), Suizidalität (Gedanken vorhanden, kein Handlungsdruck, absprachefähig). Wer diese Reihe aufsagen kann, hat den Prüfer.
Welche Aussagen treffen bei einer depressiven Episode zu?
- Obwohl die Stimmung gedrückt sein kann, findet sich kein verlangsamtes Denken bei der Depression.
- Vegetative Symptome wie Libidoverlust oder Herzrhythmusstörungen kommen definitionsgemäß nicht bei einer Depression vor.
- Bei der Depression zeigt sich manchmal ein Wahnerleben, wie Schuld- oder Verarmungswahn.
- Schlafstörungen kommen nicht vor, da eine erhöhte Müdigkeit vorliegt.
- Antidepressiva, die zunächst antriebssteigernd wirken, können die Suizidgefahr zu Beginn der Behandlung erhöhen.
- A nur 1 und 2 sind richtig
- B nur 3 und 5 sind richtig
- C nur 1, 2 und 4 sind richtig
- D nur 1, 3 und 5 sind richtig
- E 1-5, alle sind richtig
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Richtig ist B.
Bei schwerer Depression kann ein Wahn auftreten, zum Beispiel Schuld- oder Verarmungswahn (3). Antidepressiva, die zuerst den Antrieb steigern, können am Anfang die Suizidgefahr erhöhen, weil der Patient wieder Kraft zum Handeln hat, die Stimmung aber noch tief ist (5). Falsch sind 1 (verlangsamtes Denken, die Denkhemmung, gibt es sehr wohl), 2 (vegetative Symptome wie Libidoverlust kommen vor) und 4 (Schlafstörungen sind typisch).
Welche Aussagen zur postpartalen Depression treffen am ehesten zu?
- Sie tritt wenige Tage nach der Entbindung auf und klingt etwa nach 2 Wochen wieder ab.
- Sie entwickelt sich meist innerhalb von wenigen Wochen nach der Geburt.
- Im Gegensatz zu einer rezidivierenden depressiven Störung besteht keine Suizidgefahr.
- Zu den Symptomen zählen Schlafstörungen, verminderte Konzentration und erhöhte Ermüdbarkeit.
- Die behandelnde Heilpraktikerin / der behandelnde Heilpraktiker sollte der Patientin eine Vorstellung bei einer (Fach-)Ärztin bzw. einem (Fach-)Arzt empfehlen, um zu klären, ob eine medikamentöse Behandlung indiziert ist.
- A nur 1 und 4 sind richtig
- B nur 2 und 3 sind richtig
- C nur 2, 4 und 5 sind richtig
- D nur 1, 3, 4 und 5 sind richtig
- E nur 2, 3, 4 und 5 sind richtig
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Richtig ist C.
Die postpartale Depression entwickelt sich meist innerhalb von Wochen nach der Entbindung (2), zeigt Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und Ermüdbarkeit (4), und der Heilpraktiker rät zur ärztlichen Abklärung, weil eine medikamentöse Behandlung nötig sein kann (5). Aussage 1 beschreibt den harmlosen Baby-Blues, nicht die Depression. Aussage 3 ist falsch: Auch bei der postpartalen Depression besteht Suizidgefahr.
- Drei Hauptsymptome (Stimmung, Freude, Antrieb), Zusatzsymptome, mindestens zwei Wochen. Leicht 2+2, mittel 2+3 bis 4, schwer 3+4 oder mehr. Somatisches Syndrom: Früherwachen, Morgentief, Gewicht runter, Libido weg.
- Morgentief Depression, Abendtief Demenz.
- Suizidalität immer direkt ansprechen. Die Frage schützt. Stufen: Überdruss, Gedanken, Pläne, Vorbereitungen, Handlung. Ruhe vor dem Sturm ist keine Entwarnung.
- Absprachefähig: Netz und Termin in Tagen. Akut: nicht allein lassen, Klinik, bei Weigerung Polizei, PsychKG, Schweigepflicht endet bei Lebensgefahr.
- Der Heilpraktiker begleitet, Antidepressiva und Diagnosesicherung sind Arztsache. Körperliche Ursachen immer ausschließen: Schilddrüse, Blutbild, B12, Medikamente, Alkohol.
- Fallen: Antrieb vor Stimmung erhöht die Suizidgefahr, bipolar kippt in die Manie, Baby-Blues ist keine Depression, Trauer ist keine Krankheit.
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