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Herzrhythmusstörungen in der Heilpraktikerprüfung: vom harmlosen Stolpern bis zum Vorhofflimmern

11 Minuten LesezeitStand: September 2026Von André, Heilpraktiker Wissen Community

Titelbild der Comic-Reihe Herzenssache aus der Community
Das Titelbild der Comic-Reihe „Herzenssache“ aus der Community. Rhythmusstörungen sind das Kapitel, in dem sich Herz und Nervensystem treffen.

Das Herz schlägt in Ruhe 60- bis 80-mal in der Minute, und jeder Schlag beginnt im Sinusknoten. Alles, was davon abweicht, ist eine Rhythmusstörung: zu schnell (Tachykardie, über 100), zu langsam (Bradykardie, unter 60) oder unregelmäßig. Das meiste davon ist harmlos, ein Extraschlag nach zu viel Kaffee. Zwei Dinge musst du aber sicher erkennen, weil sie über Leben entscheiden: das Vorhofflimmern, das Gerinnsel ins Gehirn schickt, und das Kammerflimmern, das ein Herzstillstand ist. Und ein Prüfungsklassiker zieht sich durch alles: das Pulsdefizit.

Die normalen Zahlen zuerst

Ohne Normalwerte kannst du zu schnell und zu langsam nicht beurteilen:

WerRuhepuls pro Minute
Erwachsener60 bis 80
Kleinkind100 bis 120
Säugling120 bis 140
Ausdauersportlerbis hinunter auf 40, und das ist bei ihm normal

Dazu die Fieberregel: Pro Grad Fieber steigt der Puls um etwa zehn Schläge. Fehlt dieser Anstieg, heißt das relative Bradykardie, ein Klassiker beim Typhus.

Und die Elektrik, in einem Satz: Der Sinusknoten gibt den Takt, der AV-Knoten leitet mit kurzer Pause zur Kammer weiter, dann His-Bündel, Tawara-Schenkel, Purkinje-Fasern. Jeder Block, jedes Flimmern lässt sich auf dieser Strecke einsortieren.

Zu schnell, zu langsam, außer der Reihe

Tachykardie, über 100 in Ruhe. Ursachen: Belastung, Stress, Kaffee, Nikotin, Alkohol, Fieber, Blutarmut, Schilddrüsenüberfunktion, Schock, Herzinfarkt. Wenn der Kreislauf zu kippen droht, hilft der Schockindex nach Allgöwer: Puls geteilt durch oberen Blutdruckwert. Ab 1 spricht das für einen Schock. Puls 110 bei Blutdruck 70 macht 1,6, das ist ein schwerer Schock.

Bradykardie, unter 60. Harmlos beim Sportler und bei ruhigen Menschen. Krankhaft bei einem geschädigten Sinusknoten (Sick-Sinus-Syndrom), bei Schilddrüsenunterfunktion, bei erhöhtem Hirndruck, unter Betablockern. Und beim Karotissinus-Syndrom: Am Hals sitzt ein Druckfühler, wer darauf drückt, senkt den Puls. Bei manchen älteren Menschen reicht ein enger Hemdkragen oder eine Kopfdrehung, und sie werden kurz ohnmächtig. Praxisregel: den Druckfühler am Hals niemals beidseitig gleichzeitig drücken.

Extrasystolen, Schläge außer der Reihe, das typische Herzstolpern: ein Schlag kommt zu früh, danach eine kleine Pause, dann ein kräftiger Schlag, den man als Aussetzer oder Bumms spürt. Aus dem Vorhof heißen sie supraventrikulär, aus der Kammer ventrikulär. Auslöser: Stress, Müdigkeit, Kaffee, Nikotin, Magnesium- und Kaliummangel. Meist harmlos bei einem gesunden Herzen, ein Warnzeichen bei einem kranken. Und der Klassiker in der Prüfung: das Roemheld-Syndrom. Die Herzspitze ist mit dem Zwerchfell verwachsen, ein überfüllter, geblähter Magen drückt von unten aufs Herz, und dann stolpert es. Herzstolpern und Druck in der Brust nach einer üppigen Mahlzeit, oft harmlos, aber vom Infarkt abzugrenzen.

Das Vorhofflimmern: ein Schlaganfall-Thema

Beim Vorhofflattern schlägt der Vorhof mit 220 bis 350 pro Minute, noch regelmäßig, aber er pumpt kaum. Beim Vorhofflimmern zuckt der Vorhof völlig ungeordnet mit 350 bis 600, wie ein Sack voller Würmer. Die Kammern bekommen chaotische Signale, der Puls wird unregelmäßig ohne jedes Muster. Das nennt man absolute Arrhythmie.

Und jetzt der Punkt, der über Bestehen entscheidet: Die Gefahr beim Vorhofflimmern ist nicht das Stolpern. Im zitternden Vorhof steht das Blut, und stehendes Blut gerinnt. Reißt ein Stück des Gerinnsels ab, fliegt es vom linken Herzen über die Halsschlagader direkt ins Gehirn. Vorhofflimmern ist eine der häufigsten Ursachen des Schlaganfalls. Deshalb bekommen diese Patienten in der Regel Blutverdünner, und deshalb erklärst du jedem Patienten mit Vorhofflimmern die FAST-Regel.

Ursachen: jahrelanger, schlecht eingestellter Bluthochdruck (der häufigste), Klappenfehler (vor allem die Mitralstenose, die den Vorhof dehnt), Schilddrüsenüberfunktion, koronare Herzkrankheit, Kaliummangel unter Wassertabletten, und Alkohol, das Holiday Heart nach dem Trinkgelage.

Das Pulsdefizit

Du hörst das Herz ab und tastest gleichzeitig den Puls am Handgelenk. Beim Vorhofflimmern schlägt das Herz manchmal so schnell und so schwach hintereinander, dass nicht jeder Schlag als Pulswelle am Handgelenk ankommt. Du hörst am Herzen mehr Schläge, als du am Handgelenk fühlst. 120 am Herzen, 105 am Handgelenk: Diese Differenz ist das Pulsdefizit, das klassische Zeichen des Vorhofflimmerns. Und den Puls tastest du eine volle Minute, nicht fünfzehn Sekunden mal vier.

Was der Arzt macht und du nicht kannst: EKG und Langzeit-EKG, das Herz-Echo (Klappen, Gerinnsel im Vorhof), Kalium und TSH im Labor, die Blutverdünnung gegen den Schlaganfall und ein Medikament, das den Puls bremst, meist ein Betablocker. Alles verschreibungspflichtig, alles Sorgfaltspflicht. Was du machst: zeitnah zum Hausarzt, heute oder morgen, Kaffee reduzieren, die Blutdrucktablette jeden Tag statt gelegentlich, FAST erklären.

Das Kammerflimmern: ein Herzstillstand

Beim Kammerflimmern zucken die Kammern mit über 350 pro Minute nur noch, es wird kein Blut mehr ausgeworfen. Das ist funktionell ein Herzstillstand. Der Mensch ist bewusstlos und ohne Puls, und die einzige Rettung ist die sofortige Herzdruckmassage und die Defibrillation, ein Stromstoß, der das Herz kurz auf null setzt, damit der Sinusknoten neu übernehmen kann. Deshalb steht in jeder Praxis die Frage: Wo ist der nächste Defibrillator? Und deshalb ist die Sterblichkeit beim Herzinfarkt in den ersten Stunden am höchsten: Kammerflimmern.

Die Vorstufe ist die Kammertachykardie: Herzrasen, das in der Kammer selbst entsteht, mit Brustschmerz, Blutdruckabfall, kaltem Schweiß. Notfall, weil es in Kammerflimmern übergehen kann. Zum Vergleich die harmlosere supraventrikuläre Tachykardie: Herzrasen von oberhalb der Kammern, schaltet sich an wie ein Lichtschalter und genauso plötzlich wieder aus, meist bei Jüngeren, meist ungefährlich.

Die Blocks: wenn die Leitung hängt

Ein Block heißt, die Erregung wird auf ihrem Weg verzögert oder unterbrochen. Drei Grade, überall gleich gemeint: Grad eins verzögert, der Reiz kommt langsamer, aber er kommt an. Grad zwei, einzelne Schläge fallen aus. Grad drei, total geblockt, ein Ersatz-Taktgeber muss übernehmen.

Der wichtige ist der AV-Block zwischen Vorhof und Kammer. Beim totalen AV-Block schlagen Vorhöfe und Kammern unabhängig voneinander, die Kammer kommt nur noch auf unter 40. Und das Herz kann kurz ganz stehen bleiben, bevor der Ersatz-Taktgeber anspringt: Der Patient wird ohnmächtig, das ist der Adams-Stokes-Anfall. Am Ende steht meist ein Herzschrittmacher. Ein Puls von 40 mit Schwindel und Ohnmacht gehört heute zum Arzt, bei Ohnmacht direkt in die Klinik.

Wann es ein Notfall ist

Beim Rhythmus hast du fünf Kriterien, und eines reicht:

  1. Puls über 150 in Ruhe
  2. Brustschmerz
  3. Atemnot
  4. Blutdruckabfall
  5. Bewusstseinsstörung

Dann 112, Oberkörper hoch, bleiben, Puls und Bewusstsein kontrollieren, und wenn der Patient bewusstlos wird und nicht mehr normal atmet: Reanimation, 30 zu 2, Defibrillator holen lassen.

Der Fall: Herzstolpern und Schwindel

So läuft es in der mündlichen Prüfung: Eine Frau, 60, Herzstolpern seit Wochen, ab und zu schwindelig, einmal fast ohnmächtig. Beim Pulsfühlen: völlig unregelmäßig, 110.

So klingt das in der Prüfung

Du: „Seit Wochen heißt eigentlich Zeit. Aber der Puls ist jetzt unregelmäßig, also prüfe ich sofort den Kreislauf: Blutdruck 130 zu 80, wach, klar, keine Atemnot. Kein akuter Notfall, aber ein Alarmsignal. Ich sammle: Vorhofflimmern, Extrasystolen, supraventrikuläre Tachykardie, Kammertachykardie, Bradykardie mit AV-Block, Schilddrüsenüberfunktion, Kaliummangel, Anämie, Panik. Dann frage ich: stundenlanges Herzrasen, das kommt und geht, das passt zum anfallsweisen Vorhofflimmern. Bluthochdruck seit Jahren, Tablette unregelmäßig, dazu eine Wassertablette. Volltreffer: Der Druck dehnt den Vorhof, das Diuretikum spült Kalium raus. Untersuchung: Puls eine Minute tasten, absolut arrhythmisch. Abhören und gleichzeitig tasten: 120 am Herzen, 105 am Handgelenk, Pulsdefizit. Verdachtsdiagnose: Vorhofflimmern mit schneller Kammerantwort. Entscheidung: kein Notfall, kein Verbot, aber Sorgfaltspflicht wegen des Schlaganfallrisikos und weitergehende Verfahren, EKG, Echo, Kalium, TSH. Heute oder morgen zum Hausarzt, dann Kardiologe. Und ich erkläre ihr FAST.“

Die Drehungen, die dann kommen: eine 30-Jährige mit vereinzelten Extraschlägen bei regelmäßigem Grundrhythmus, viel Kaffee, Stress: Die darfst du begleiten, mit einem EKG zur Sicherheit und Stoppkriterien. Ein Puls von 40 mit Ohnmacht unter Betablocker: AV-Block oder Überdosierung, heute zum Arzt, nichts eigenmächtig absetzen. Herzrasen mit 180, Brustschmerz, Blutdruck 90, kaltschweißig: Notfall, 112, Reanimationsbereitschaft. Herzstolpern mit Gewichtsverlust, warmen feuchten Händen, Hitzeunverträglichkeit: Schilddrüsenüberfunktion, TSH, Endokrinologe.

Die Medikamente, die die Prüfung dazu fragt

Digitalis stärkt das Herz und bremst die Frequenz, hat aber eine enge therapeutische Breite: Überdosierung macht Rhythmusstörungen, und Kalzium in die Vene dazu ist gefährlich. Betablocker (Endung -olol) bremsen das Adrenalin und damit den Puls, nie eigenständig absetzen lassen. ACE-Hemmer (Endung -pril) senken den Blutdruck, typische Nebenwirkung trockener Reizhusten. Diuretika entwässern und können Kalium rauben. Und die Regel für dich: Akute Herznotfälle gehören zum Notarzt, und schulmedizinische Herzmedikamente lässt man niemals eigenmächtig weglassen.

Echte PrüfungsfragePrüfung März 2011

Welche Aussage zum Nervus vagus (Hirnnerv X) trifft zu?

  • A Der Nervus vagus hat keine parasympathische Funktion
  • B Die Stimulation des Nervus vagus durch Druck auf den Sinus caroticus führt zu einer Beschleunigung der Herztätigkeit
  • C Eine Reizung der zum Herz ziehenden Äste des Nervus vagus bewirkt eine Steigerung der Herzfrequenz
  • D Die Darmtätigkeit wird über Äste des Nervus vagus beeinflusst
  • E Der Nervus vagus ist ein Hauptast des Nervus phrenicus
Lösung anzeigen

Richtig ist D.

Der Vagus beeinflusst über seine Äste die Darmtätigkeit. A ist falsch, der Vagus ist der wichtigste parasympathische Nerv. B und C sind falsch: Eine Vagusreizung, auch der Druck auf den Karotissinus, verlangsamt den Herzschlag, sie beschleunigt ihn nicht. Genau das ist der Mechanismus hinter dem Karotissinus-Syndrom. E ist falsch, der Vagus ist kein Ast des Zwerchfellnervs.

Echte PrüfungsfragePrüfung Oktober 2005 · aus dem Quiz auf der Startseite

Die Letalität beim akuten Myokardinfarkt ist am höchsten:

  • A in den ersten Stunden
  • B nach 6 bis 8 Tagen
  • C nach 6 bis 8 Wochen
  • D nach 6 bis 8 Monaten
  • E nach 6 bis 8 Jahren
Lösung anzeigen

Richtig ist A.

Die Sterblichkeit beim akuten Herzinfarkt ist ganz am Anfang am höchsten, weil in den ersten Stunden lebensgefährliche Rhythmusstörungen wie das Kammerflimmern auftreten. Viele Betroffene sterben, bevor sie die Klinik erreichen. Danach sinkt das Risiko deutlich. Deshalb: bei Verdacht auf Infarkt sofort 112, und der Defibrillator gehört in Reichweite.

Das musst du dir merken
  • Ruhepuls 60 bis 80, über 100 Tachykardie, unter 60 Bradykardie. Pro Grad Fieber zehn Schläge mehr, Ausnahme Typhus.
  • Extrasystolen: Schlag zu früh, Pause, Bumms. Meist harmlos, Kaffee, Stress, Kalium, Magnesium. Roemheld nach dem Essen.
  • Vorhofflimmern: absolute Arrhythmie plus Pulsdefizit. Die Gefahr ist der Schlaganfall durch Gerinnsel aus dem Vorhof, Blutverdünnung ist Arztsache, FAST erklären.
  • Kammerflimmern ist ein Herzstillstand: Herzdruckmassage und Defibrillator. Kammertachykardie mit Blutdruckabfall ist die Vorstufe, Notfall.
  • AV-Block Grad drei: Kammer unter 40, Ohnmacht, Schrittmacher. Karotissinus nie beidseits drücken.
  • Notfallkriterien: Puls über 150, Brustschmerz, Atemnot, Blutdruckabfall, Bewusstseinsstörung.

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