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Notfallkoffer für die Heilpraktikerpraxis: Was muss rein, was darf rein, was fragt die Prüfung?

10 Minuten LesezeitStand: September 2026Von André, Heilpraktiker Wissen Community

Titelbild der Comic-Reihe Sekunden zählen aus der Community
Das Titelbild der Comic-Reihe „Sekunden zählen“ (Notfälle) aus der Community. Der Koffer ist nur so gut wie der Mensch, der ihn öffnet.

Ein Notfallkoffer in der Heilpraktikerpraxis ist keine Vorschrift mit fester Liste, aber er ist Sorgfaltspflicht: Wer spritzt, muss auf die Anaphylaxie vorbereitet sein, und wer Patienten hat, muss reanimieren können. Der Koffer ist für vier Situationen gepackt: Anaphylaxie, Unterzuckerung, Kreislaufstillstand und Atemnot. Was hineingehört, lässt sich in vier Gruppen sortieren: Erkennen, Atmung, Kreislauf, Verband. Und genauso wichtig wie der Inhalt sind die Praxisfragen, die die mündliche Prüfung in den letzten zehn Minuten dazu stellt: Händedesinfektion, Injektion, Nadelstich, Aufklärung. Die kannst du zu hundert Prozent vorbereiten, weil sie immer gleich sind.

Warum du einen brauchst, obwohl es keine Vorschrift ist

Es gibt kein Gesetz, das dem Heilpraktiker einen bestimmten Koffer vorschreibt. Es gibt aber die Sorgfaltspflicht und die Hilfeleistungspflicht, und die Hygieneverordnungen der Länder erwarten eine Notfallausrüstung, die zu dem passt, was du tust. Wer Injektionen und Infusionen macht, hat jederzeit mit einer Anaphylaxie zu rechnen. Wer ältere Patienten hat, mit einem Kreislaufstillstand. Wer Diabetiker hat, mit einer Unterzuckerung. Der Koffer ist die Antwort auf die Prüferfrage: „Und was tun Sie, wenn der Patient nach Ihrer Spritze zusammenklappt?“ Wer dann sagt „ich rufe den Notarzt“, hat die halbe Antwort. Wer sagt „ich rufe den Notarzt, lagere, gebe Sauerstoff, helfe beim Notfallstift und überbrücke die Zeit mit der Herzdruckmassage“, hat die ganze.

Was hineingehört: die vier Gruppen

GruppeInhaltWofür
ErkennenBlutdruckmessgerät, Stethoskop, Blutzuckermessgerät mit Streifen und Lanzetten, Pulsoxymeter, Fieberthermometer, Taschenlampe, UhrVitalfunktionen prüfen: Atmung, Kreislauf, Bewusstsein. Blutzucker bei jedem Schlaganfall-Verdacht und jeder Bewusstseinsstörung
AtmungBeatmungsbeutel mit Masken in zwei Größen, Guedel-Tuben in mehreren Größen, Absaugung (mindestens manuell), Sauerstoffflasche mit Maske, Taschenmaske mit VentilAtemstillstand, Anaphylaxie mit Atemnot, Asthmaanfall. Sauerstoff darf der Heilpraktiker geben, er ist kein verschreibungspflichtiges Arzneimittel im Notfall
KreislaufDefibrillator (AED), Venenverweilkanülen, Infusionsbesteck, isotone Kochsalz- oder Ringerlösung, Stauschlauch, Pflaster, Traubenzucker und zuckerhaltiges GetränkKreislaufstillstand, Schock, Unterzuckerung. Eine Infusion mit Kochsalzlösung darfst du legen, sie ist nicht verschreibungspflichtig
VerbandKompressen, Verbandpäckchen, Dreiecktuch, Pflaster, Rettungsdecke, Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel, Abwurfbehälter, Kühlpack, SchereBlutung, Wunde, Verbrennung, Unterkühlung, Anaphylaxie kühlen

Dazu die Organisation, die die Prüfung genauso fragt: Der Koffer steht griffbereit an einem festen Platz, den auch die Mitarbeiterin kennt. Er wird regelmäßig geprüft, Ablaufdaten, Batterien des Defibrillators, Sauerstoffflasche. Neben dem Koffer hängt die Notrufnummer 112 mit der Praxisadresse, damit niemand im Stress die Hausnummer sucht. Und die Nummer des nächsten öffentlichen Defibrillators, falls du keinen eigenen hast.

Was du mit dem Koffer darfst, und was nicht

Darfst du: Sauerstoff geben. Traubenzucker und Zuckergetränk bei wachen Patienten. Eine Infusion mit Kochsalz- oder Ringerlösung legen. Beatmen, Herzdruckmassage, den Defibrillator einsetzen (der sagt dir selbst, was zu tun ist). Dem Patienten helfen, sein eigenes Notfallmedikament anzuwenden: den Adrenalin-Autoinjektor bei der Anaphylaxie, das Nitrospray bei der Angina pectoris, das Asthmaspray. Lagern, kühlen, verbinden.

Darfst du nicht: verschreibungspflichtige Medikamente verordnen. Kein Kortison, kein Antihistaminikum als Spritze, kein Adrenalin auf eigene Verordnung. Und beim Adrenalin die ehrliche Einordnung: verschreibungspflichtig, du darfst es nicht verordnen. Im lebensbedrohlichen Notfall gilt die Hilfeleistungspflicht, die Prüfung vom März 2025 hat die Adrenalin-Gabe durch den Heilpraktiker bei einer Anaphylaxie als richtig gewertet, und viele Heilpraktiker haben mit ihrer Erlaubnis Adrenalin aus der Apotheke im Koffer. Für die Prüfung: nicht verordnen, im Notfall anwenden, Notruf. Details im Artikel Allergietypen.

Die vier Notfälle, für die der Koffer gepackt ist

  1. Anaphylaxie. Quaddeln plus Atemwege oder plus Kreislauf, ab Stadium zwei die 112. Zufuhr stoppen, Lagerung nach Führungssymptom (Schock: Beine hoch, Atemnot: Oberkörper hoch), Sauerstoff, Notfallstift des Patienten, Vitalzeichen alle zwei Minuten, Reanimationsbereitschaft. Nach Adrenalin vom Notarzt trotzdem in die Klinik, weil die Reaktion Stunden später zurückkommen kann.
  2. Unterzuckerung. Zittrig, schwitzend, verwirrt, Blutzucker unter 50. Wach und schluckfähig: Traubenzucker, dann Brot. Bewusstlos: nichts in den Mund, stabile Seitenlage, 112. Im Zweifel Zucker.
  3. Kreislaufstillstand. Keine Reaktion, keine normale Atmung: 112, Herzdruckmassage 30 zu 2 in der Mitte des Brustkorbs, Defibrillator anschließen und seinen Ansagen folgen, nicht aufhören, bis der Rettungsdienst übernimmt. Beim Kind erst fünf Beatmungen.
  4. Atemnot. Oberkörper hoch, Sauerstoff, beim Asthmatiker sein Spray, Lippenbremse, ruhig bleiben, 112 bei Pfeifen beim Einatmen (Kehlkopf), Blaufärbung oder Erschöpfung.

Die Praxisfragen, die am Ende jeder Prüfung kommen

Die großen Fälle sind durch, der Prüfer schaut auf die Uhr, noch zehn Minuten. Dann kommen Fragen, die alltäglich klingen und trotzdem mitentscheiden: Hier zeigt sich, ob du sauber arbeitest oder eine Gefahr bist, weil du mit einer unsterilen Nadel spritzt.

„Erklären Sie mir Ihre Händehygiene.“ Waschen entfernt sichtbaren Schmutz, zu Beginn der Arbeit und wenn nötig. Die hygienische Händedesinfektion tötet die Keime: vor und nach jedem Patientenkontakt, vor jeder Injektion, nach Kontakt mit Körperflüssigkeiten, nach dem Ausziehen der Handschuhe. Etwa drei Milliliter alkoholisches Mittel, 30 Sekunden auf trockenen Händen verreiben, Fingerkuppen, Daumen, Nagelfalze, Zwischenräume, trocknen lassen. Kurze Nägel, kein Lack, keine Ringe, keine Uhr: die Unterarmregel. Handschuhe ersetzen die Desinfektion nicht, sie kommen dazu.

„Desinfektion oder Sterilisation?“ Desinfektion reduziert die Keime so weit, dass keine Ansteckung mehr möglich ist. Sterilisation tötet alle, auch Sporen. Alles, was in den Körper eindringt oder Blut berührt, muss steril sein: Nadeln, Kanülen, Akupunkturnadeln. Am einfachsten mit sterilem Einmalmaterial. Wer Instrumente aufbereitet: reinigen, desinfizieren, trocknen, verpacken, Autoklav bei 134 Grad, Charge dokumentieren.

„Wie desinfizieren Sie die Haut vor der Injektion?“ Aufsprühen oder mit sterilem Tupfer auftragen, und dann die Einwirkzeit: mindestens 15 bis 30 Sekunden, trocknen lassen, nicht mehr anfassen. Wer sprüht und sofort sticht, hat nicht desinfiziert.

„Sie wollen intramuskulär spritzen. Wie gehen Sie vor?“ In acht Schritten:

  1. Darf ich das? Injektionen sind erlaubt, solange das Mittel nicht verschreibungspflichtig ist.
  2. Aufklärung und Einwilligung: was, warum, Risiken (Infektion, Nervenverletzung, Allergie, Blutung), dokumentiert.
  3. Allergien, Blutverdünner, Vorerkrankungen erfragen.
  4. Vorbereitung: Hände desinfizieren, Handschuhe, Mittel prüfen (Name, Ablaufdatum, Klarheit), mit Aufziehkanüle aufziehen, Kanüle wechseln, entlüften.
  5. Die richtige Stelle: der mittlere Gesäßmuskel nach von Hochstetter, seitliche Hüfte, weil dort kein großer Nerv und kein großes Gefäß laufen. Oder Oberschenkel außen, oder Deltamuskel für kleine Mengen. Nie der obere innere Quadrant des Gesäßes, da läuft der Ischiasnerv.
  6. Haut desinfizieren mit Einwirkzeit, senkrecht einstechen, aspirieren (kommt Blut, bist du im Gefäß: raus und neu), langsam spritzen, Kanüle zügig entfernen, steriler Tupfer, Pflaster.
  7. Die Kanüle sofort in den durchstichsicheren Abwurfbehälter, ohne die Schutzkappe aufzusetzen. Kein Recapping, das ist die häufigste Ursache für Nadelstichverletzungen.
  8. Den Patienten 20 bis 30 Minuten in der Praxis lassen wegen allergischer Reaktionen, und dokumentieren: Mittel, Charge, Menge, Ort, Uhrzeit, Verträglichkeit.

Subkutan: Bauch oder Oberschenkel, Hautfalte, 45 bis 90 Grad, kein Aspirieren nötig, bis etwa zwei Milliliter. Intravenös: Ellenbeuge, Stauschlauch höchstens eine Minute, flacher Winkel, Stauung lösen, langsam. Nie ölige Lösungen in die Vene, sonst Embolie. Nie intraarteriell: hellrotes, pulsierendes Blut heißt sofort raus und abdrücken.

„Sie haben sich an der Nadel gestochen.“ Bluten lassen und ausdrücken, nicht saugen. Mit Wasser und Seife waschen, alkoholisch desinfizieren. Klären, was der Patient hat: Hepatitis B, C, HIV, mit seinem Einverständnis testen lassen. Noch am selben Tag zum Durchgangsarzt oder in die Notaufnahme, denn die Postexpositionsprophylaxe gegen HIV wirkt am besten innerhalb von zwei Stunden, nach 72 Stunden ist es zu spät. Eigenen Hepatitis-B-Impfschutz prüfen. Dokumentieren, als Arbeitsunfall bei der Berufsgenossenschaft melden. Vorbeugung: Abwurfbehälter neben dir, kein Recapping.

„Was gehört in Ihre Dokumentation?“ Stammdaten, Anamnese, Befunde, Verdachtsdiagnose, Aufklärung und Einwilligung, Therapie mit allen Details, Verlauf, jede Empfehlung zum Arztbesuch, und wenn der Patient sie ablehnt, auch das, möglichst mit Unterschrift. Zeitnah, lesbar, nicht nachträglich verändert, zehn Jahre aufbewahrt. Was nicht dokumentiert ist, ist nicht geschehen.

So klingt das in der Prüfung

Prüfer: „Nach Ihrer Injektion bekommt die Patientin Quaddeln, ihre Stimme wird heiser, der Blutdruck fällt auf 90.“

Du: „Das ist eine Anaphylaxie, Stadium zwei auf dem Weg in drei, weil Haut, Kreislauf und beginnend die Atemwege betroffen sind. Ich stoppe die Zufuhr, lasse die 112 rufen, lagere nach dem Führungssymptom, im Moment Beine hoch, weil der Blutdruck führt, bei zunehmender Atemnot Oberkörper hoch. Ich gebe Sauerstoff aus dem Notfallkoffer, frage nach einem Notfallstift und helfe bei der Anwendung, messe Puls, Blutdruck und Atmung alle zwei Minuten und bereite mich auf die Reanimation vor. Antihistaminikum und Kortison als Spritze bringt der Notarzt. Und die Patientin geht danach in die Klinik, weil die Reaktion biphasisch zurückkommen kann.“

Echte PrüfungsfragePrüfung März 2023

Welche der folgenden Aussagen zur Lagerung eines Patienten im entsprechenden Notfall treffen zu?

  1. Bauchtrauma: Rückenlage, angezogene Beine mit Knierolle
  2. Schädel-Hirn-Trauma: Kopftieflage, Beine angehoben
  3. Kardiogener Schock: Oberkörper ca. 30 Grad erhöht
  4. Arterielle Embolie im Bein: betroffene Extremität hoch lagern
  5. Lungenödem: stabile Seitenlage
  • A nur 1 und 2 sind richtig
  • B nur 1 und 3 sind richtig
  • C nur 2 und 5 sind richtig
  • D nur 3 und 5 sind richtig
  • E nur 1, 3 und 4 sind richtig
Lösung anzeigen

Richtig ist B.

Beim Bauchtrauma Rückenlage mit Knierolle, das entspannt die Bauchdecke (1). Beim kardiogenen Schock Oberkörper 30 Grad hoch, das entlastet das schwache Herz (3). Falsch: Beim Schädel-Hirn-Trauma Oberkörper hoch, nicht Kopf tief (2). Beim arteriellen Verschluss im Bein das Bein tief lagern, damit noch Blut ankommt, nicht hoch (4). Beim Lungenödem sitzend mit hängenden Beinen, nicht Seitenlage (5). Die Lagerung ist der Teil des Notfalls, den du ohne jedes Gerät richtig machen kannst.

Das musst du dir merken
  • Kein Gesetz schreibt den Koffer vor, aber Sorgfalt und Hilfeleistungspflicht. Vier Gruppen: Erkennen, Atmung, Kreislauf, Verband. Fester Platz, regelmäßig prüfen, 112 mit Adresse daneben.
  • Du darfst: Sauerstoff, Traubenzucker, Kochsalz-Infusion, Beatmung, Herzdruckmassage, Defibrillator, Hilfe beim Notfallstift des Patienten. Du darfst nicht verordnen: Kortison, Antihistaminikum als Spritze, Adrenalin.
  • Vier Notfälle: Anaphylaxie (ab Stadium zwei 112, Lagerung nach Führungssymptom), Unterzuckerung (im Zweifel Zucker), Stillstand (30 zu 2, AED), Atemnot (Oberkörper hoch, Sauerstoff).
  • Händedesinfektion 30 Sekunden, Unterarmregel, Handschuhe ersetzen nichts. Einwirkzeit auf der Haut 15 bis 30 Sekunden.
  • Injektion in acht Schritten, Stelle nach von Hochstetter, aspirieren, kein Recapping, 20 bis 30 Minuten Nachbeobachtung, dokumentieren.
  • Nadelstich: bluten lassen, waschen, desinfizieren, am selben Tag Durchgangsarzt, Berufsgenossenschaft.

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